In unserer sechsteiligen Serie rund um das Thema Stimme, die uns von unserem Medienpartner GeloRevoice® ermöglicht wird, beschäftigen wir uns im zweiten Teil mit dem Arbeitsalltag von einem Menschen, für den seine Stimme zugleich sein Aushängeschild ist: dem Radiomoderator.

Hört man eine Stimme im Radio, springt meistens gleich das eigene Kopfkino an. Ein Mensch, der so klingt, der so spricht, der sieht doch bestimmt so und so aus. Und dann erst das Radiostudio! Ist es groß? Ist es klein? Aber auf jeden Fall ist es doch sehr, sehr dunkel. Oder? Sehen Sie: Kopfkino! Sobald man nur eine Stimme hört, baut man sich den Rest des Menschen nach eigenen Vorstellungen zusammen – und seine Arbeit dann gleich mit. Die Realität sieht meistens aber anders aus: „ Wenn ich einem meiner Zuhörer mal begegne, höre ich oft ‚Ich habe Sie mir ganz anders vorgestellt!’ Das ist ein Klassiker,“ sagt Andreas Göbel, der seit über einem Jahrzehnt nun schon unter anderem als Radiomoderator für das kulturradio vom rbb in Berlin arbeitet.

Eine wache Stimme als Nonplusultra

Auch seinen Arbeitsalltag stellen sich viele wohl falsch vor. In das spartanisch eingerichtete, kleine Aufnahmestudio, das von warmen Brauntönen dominiert wird, fallen Sonnenstrahlen durch die hellen Doppelfenster und brechen sich an der Glasscheibe zum nächsten Studio. Tatsächlich verbringt Göbel nur wenig Zeit in diesem Raum, wenn man bedenkt, dass er montags und mittwochs ab 21:04 Uhr mit seiner einstündigen Sendung „Musik der Gegenwart“ on Air ist. Denn Göbel zeichnet seine Sendungen auf – und macht quasi alles in Eigenregie: Er wählt die Themen aus, bedient die Technik während der Aufnahme und schneidet später auch seine Sendung selbst zusammen. Und natürlich bereitet er seine Themen auch redaktionell vor. Dabei ist es ihm aber wichtig, dass er seine Texte vorher nicht ausformuliert: „Dann besteht die Gefahr, dass da dann ein schriftsprachlicher Begriff auftaucht, denn man so nie in einem Dialog sagen würde.“ Und das würde sich dann eben abgelesen anhören. „Das, was man sagen will, sollte schon vor einem liegen. Aber eben in Stichpunktform.“ Nur so könne man Informationen verdichten und trotzdem interessant und vor allem natürlich rüberbringen, meint Göbel.

rbb, Sendelaufplan
rbb, Sendelaufplan © Nicole Korzonnek

Dementsprechend locker und flockig spricht Andreas Göbel auch seine Moderationen für die Sendung vom 20. September ein, in der es um den Wettbewerb „International Rostrum of Composers 2017“ geht, der als Karrieresprungbrett für viele junge zeitgenössische Komponisten gilt. Ob nun live oder Aufzeichnung, Göbel macht da keinen Unterschied. Seine eigene Sendung spricht er ebenso souverän und professionell wie auch seine Frühkritiken, die man an vielen Tagen um 7:45 Uhr in der Morgensendung live hören kann. Nur dass er dann halt eine kurze Nacht hatte, da die Veranstaltungen, über die er berichtet, meist direkt am Abend zuvor stattgefunden haben. Und es ist ja nicht so, dass Göbel erst um 7:40 Uhr im Sender ist. Schließlich müssen auch noch Absprachen mit dem jeweiligen Moderator der Live-Sendung getroffen werden. Mehr als vier Stunden Schlaf sind da oft nicht drin. Für Göbel ist das aber kein Problem. Seine Stimme braucht im Regelfall nur anderthalb Minuten, um wach zu werden. „Eine wache Stimme ist im Grunde das Nonplusultra. Letzten Endes ist das besser als irgendwelche Stimmübungen“, bestätigt Göbel.

Andreas Göbel kennt seine Stimme

Großartige Einsprechübungen finden bei ihm vor einer Sendung also nicht statt. Ihm reichen da schon ein paar Worte mit Kollegen, um direkt ans Mikrofon gehen zu können. Was sich jedoch kinderleicht anhört, ist das Ergebnis von jahrelanger, gewissenhafter Arbeit. Denn vor dem Job als Radiomoderator kam die Sprecherziehung, bei der Andreas Göbel nicht nur alles über das Sprechen an sich, sondern auch über seine Stimme lernte. Dementsprechend gut kann er sie selbst auch einschätzen. Nur wenn er erkältet ist, muss ein Kollege seine Meinung zum Stimmzustand kundtun: „Ich war tatsächlich mal so erkältet, dass von der Stimme nur noch eine Frequenz übrig geblieben ist – eine sehr tiefe Frequenz. Da musste ich zu einem Kollegen gehen, weil man sich selbst ja ganz anders hört als andere.“ In diesem Fall ging für Göbel alles gut. Sein Kollege bestätigte ihm zwar, dass er sich anders anhören würde, aber dass das noch ginge. „Es ist dann ja auch immer noch die Frage, ob so eine Stimme im Radio dann noch zumutbar ist.“

Eine Sendung wegen einer Erkältung absagen musste Göbel übrigens noch nie. Er kennt sein Arbeitswerkzeug inzwischen so gut, dass er auch nur beim kleinsten Anzeichen einer Erkältung sofort weiß, was er tun muss. Außerdem achtet er darauf, immer genügend zu trinken, damit seine Stimme geschmeidig bleibt. Was er vor Sendungen allerdings meidet, sind etwa klebrige Fruchtsäfte.

Von Versprechern und Fröschen im Hals

Auch Versprecher passieren Göbel in seinen Live-Frühkritiken wie auch während der Aufzeichnungen seiner eigenen Sendung sehr selten. Und wenn, dann gehört das für ihn dazu. Radio soll den Zuhörer ja schließlich mit einbeziehen. Da ist Natürlichkeit ganz wichtig. Und wenn Andreas Göbel mal einen Frosch im Hals hat, geht er auch damit souverän um: „ Ich setze die nächste Betonung so, dass der Frosch damit weggeht. Wenn das nicht reicht, versuche ich, noch zu Ende zu sprechen. Wenn mich der Moderator der Live-Sendung dann etwas fragt, kann ich in der kurzen Zeit versuchen, ihn wegzubekommen. Wenn auch das nicht reicht, dann räuspere ich mich kurz, entschuldige mich und mache weiter. So etwas gehört halt dazu.“

rbb, Moderator Andreas Göbel
rbb, Moderator Andreas Göbel © Nicole Korzonnek

Die legendäre Räuspertaste, mit der man das Mikrofon kurz stumm schalten kann, kommt in solchen Fällen nicht zum Einsatz. Schließlich sind bei den Frühkritiken immer zwei Mikrofone offen – das bringt also nichts. Wenn Göbel seine eigene Sendung aufzeichnet, braucht er sie ohnehin nicht. Auch macht Andreas Göbel keinen Unterschied zwischen seiner Alltagsstimme und seiner Radiostimme. Das ist für ihn Ehrensache, denn schließlich lebt Radio von Authentizität. Nicht umsonst wird seine Stimme dann auch immer wieder erkannt, wenn er zum Beispiel selbst ein kleines Klavierkonzert gibt und dabei auch die Moderation übernimmt. Dann ist die Reaktion aber oft nicht nur ein „Ich habe Sie mir ganz anders vorgestellt!“, sondern vor allem ein „Ich habe sie doch gestern im Radio gehört!“ In solchen Momenten wird dann der Mensch hinter der Radiostimme sichtbar gemacht. Ein wunderschönes Kompliment.

 

Aufmacherbild: Nicole Korzonnek