Holde Prinzessinnen, edle Prinzen, böse Hexen und üble Gauner – seit 1948 ist dies das Metier der Augsburger Puppenkiste, einer der weltweit ältesten und bekanntesten Puppenbühnen. Im bayerischen Augsburg kennt man sich aus mit Diven und Schurken, weiß was zu tun ist, wenn die Nerven am seidenen Faden hängen, Bühnenhelden zu hölzern wirken und der Diva das Kleid nicht passt.

Mit dem „gestiefelten Kater“ feierte Gründungsvater Walter Oehmichen in Augsburg seine erste Bühnenpremiere. Gut 5 Jahre später folgte der Schritt ins Fernsehen, wo „Peter und der Wolf“, „Schneewittchen“ und „Hans im Glück“ sich großer Beliebtheit bei Jung und Alt erfreuten. Seit 1992 hat Klaus Marschall die Puppen mitsamt Theater nun in dritter Generation unter seinen Fittichen. Für seine Arbeit wurde er 2004 sogar mit der „Goldenen Kamera“ geehrt.

Gemeinsam stark im Kampf gegen Schwarzarbeit

Über die kreative Zusammenarbeit mit der Puppenkiste freut sich Heinz-Günter Held, Direktor der Deutschen Rentenversicherung Knappschaft-Bahn-See, zu dessen Verbund auch die Minijob-Zentrale gehört. Seit 2012 setzen sie sich gemeinsam im Kampf gegen die Schwarzarbeit ein. Die Kooperation fußt auf kurzen Werbespots, in welchen mit den Marionetten der Augsburger Puppenkiste Kindermärchen gewitzt neu interpretiert werden. Zentrale Botschaft ist die „märchenhaft einfache“ Anmeldung von Minijobbern in Privathaushalten, die zudem für Arbeitnehmer und Arbeitgeber mit lukrativen Vorteilen wie Steuerersparnis und Unfallversicherung lockt.

„Kein Hexenwerk!“

So haben auch Hänsel und Gretel keine Lust länger schwarzzuarbeiten – soll doch „der Wind, das himmlische Kind“ zukünftig den Staub von den Vitrinen wischen!

Vom Figurentheater zur Oper – der Sprung ist gar nicht einmal so weit

Gerüchte am Set, intensive Rollenvorbereitung, der ein oder andere Frosch zum Küssen? Das kennt man nicht nur in der Opernwelt – Theaterleiter Klaus Marschall verrät im Interview, was Puppenspieler und Instrumentalisten gemeinsam haben, warum ein Physiotherapeut bei den Probenarbeiten nicht fehlen darf und dass so eine Hauptrolle mehr als nur geprobt sein will.

Auf den ersten Blick haben Augsburger Puppenkiste und Minijob-Zentrale thematisch nichts gemein – wie kommt man auf die Idee, Minijobs in Verbindung mit Märchen zu bringen?

Das Thema Minijob lässt sich hervorragend mit Märchen verbinden. Wir machen das jetzt im vierten Jahr und bei unserem ersten Spot hatte ich die Idee: ‚Was wäre denn, wenn… Schneewittchen bei den sieben Zwergen nicht mehr weiter arbeiten will, weil sie nicht angemeldet ist?’ Das war die Grundidee und dann haben wir nachgeforscht und festgestellt, es gibt da viele Märchen, bei denen das genauso passt und Helfer dabei sind, zum Beispiel bei Frau Holle oder bei Hänsel und Gretel: Es ist überall jemand dabei, der irgendwo was Minijobmäßiges macht – und warum soll man da das ganze Thema nicht auch ein bisschen heiter sehen?

Hänsel und Gretel
Immer nur Putzen? Nicht mit Hänsel und Gretel! © Minijob-Zentrale/KBS

Das heißt, die Augsburger Puppenkiste ist auch dafür zuständig, das doch eher trockene Thema luftig-locker-leicht wiederzugeben?

Ja, ich denke, das funktioniert ganz gut. Puppentheater bzw. Figurentheater ist ja immer etwas, wo sie ihre Fantasie spielen lassen können, wo man eigentlich mit der Fantasie mehr oder weniger freiwillig einsteigt. Von daher ist es einfach, trockene oder spröde Themen ein bisschen aufzumöbeln, ihnen einen heiteren Anschlag zu geben und einfach mit einem Augenzwinkern ein ernstes Thema anzugehen.

Dornröschen, böse Hexe, sieben Zwerge – jede Figur hat ihren eigenen Charakter. Welche Möglichkeiten haben Sie, diese Vielfalt darzustellen?

Der Froschkönig
Auch der Forsch kämpft für seine Rechte als Gartenhilfe. Der Froschkönig © Minijob-Zentrale/KBS

Jede Figur braucht natürlich erst einmal einen Charakter, der schon im Kopf in der ganzen Figurengestaltung vorhanden ist. Eine böse Hexe guckt anders aus als die schöne Prinzessin. Diese Grundcharakterzüge werden natürlich mit den entsprechenden Stimmen und Kostümen unterstützt. Und dann kommt es noch auf die Kunst des Puppenspielers an, der im Grunde genommen genauso wie ein Schauspieler versuchen muss die Rolle darzustellen. Der Puppendarsteller hat nicht seinen eigenen Körper und seine eigene Mimik, sondern er hat ein Spielkreuz mit 10 Fäden und muss mit diesen 10 Fäden einen alten gebrechlichen Mann oder einen jungen stolzen Prinzen laufen lassen. Aber das ist eine Geschichte, die muss der Puppenspieler mit seiner Erfahrung in die Figur bringen.

Wie lässt sich das erlernen?

Es gibt Studiengänge zum Thema Figurentheater. Aber unsere Mitarbeiter werden hier bei uns angelernt und kommen dabei aus den verschiedensten Berufen. Wir haben ein ganz spezielles Spielkreuz, mit dem sich Walther Oehmichen nach dem Krieg beschäftigt hat. Das prägt unseren Stil und erklärt auch, weshalb wir daran festhalten. Da muss sich ein Neuling einfach einarbeiten. Wir vergleichen es gerne mit einem Musikinstrument. Wenn sie heute musikalisch begabt sind, können sie in 3 bis 4 Jahren Klavier lernen, aber sie werden sicherlich nicht gleich ein Solokonzert geben können, da brauchen sie einfach noch ein bisschen Erfahrung, Routine und Selbstverständnis. Im Figuren- und Puppentheater ist es ähnlich. Sie können jemandem, der grundsätzlich eine Fingerfertigkeit hat, beibringen, an welchen Fäden er ziehen muss, damit „unten“ etwas passiert,… dann wird er aber einfach drei Jahre üben und trainieren müssen, bis das mehr oder weniger automatisch abläuft, damit man nicht mehr überlegen muss: ‚welchen Faden muss ich wie ziehen, damit was passiert’. Erst nach weiteren 3 bis 4 Jahren – je nachdem wie begabt und intensiv er an sich arbeitet – kann derjenige dann eine Hauptrolle übernehmen.

Spielen Sie selbst auch noch?

Ja, aber leider viel zu selten.

Wie viele Mitarbeiter sind beim Dreh von „Der Wolf und die sieben Geißlein“ beteiligt?

Hier sind 8 Puppenspieler dabei. Insgesamt sind wir inzwischen 16 festangestellte Puppenspieler.
Übers Jahr hinweg sind meist 4 auf Tournee, in Rio de Janeiro zum Beispiel. Im Theater hier im Haus spielen wir 400 bis 420 Aufführungen im Jahr.

Wie lange braucht es, bis eine Puppe wie „Carmen der Wolf“ fertiggestellt wird?

Eine normale Figur braucht durchschnittlich 50 bis 60 Arbeitsstunden. Ein Teil davon ist das Schnitzen von Kopf, Händen und Füßen, dann kommt der Körper als standardisierter Unterbau, der dann auswattiert und angezogen wird… die Figur muss angemalt, ein Spielkreuz gebaut und die Figur aufgefädelt werden. Nach oben gibt’s aber keine Grenze, nach unten eher (lacht).

Das Bühnenbild ist echte Handarbeit.

Ja, das ist neu und alles von Hand gefertigt. Die Sachen kann man auch einfach nicht kaufen, weil sie proportional zu den Figuren passen müssen.

Der Wolf und die sieben Geißlein
Dreh zum Spot von „Der Wolf und die sieben Geißlein“ © Minijob-Zentrale/KBS

Wie steht es mit den Herausforderungen bei einem Dreh? Haben Sie da Tipps, wenn man zum Beispiel einen Handkrampf bekommt?

Man muss entlasten und dehnen. Das sind ganz normale Übungen, die man so macht. Wir werden zweimal wöchentlich von einer Krankengymnastin betreut, die ein spezielles Programm für die Puppenspieler macht. Das Puppenführen geht einfach auf die Wirbelsäule,… Bandscheibenprobleme… gerade im Lendenwirbelbereich, im Schultergürtelbereich, auch die Schultern selber werden belastet. Da muss man ein bisschen Ausgleich dafür machen.

Haben Sie ein persönliches Lieblingsvideo?

Ich hänge nach wie vor am allerersten Spot, an „Schneewittchen und den sieben Zwergen“, an dem Saustall, der in diesem Zwergenhaus herrscht (lacht herzlich) und das Schneewittchen sagt „Nee, ich mach jetzt nix mehr“. Das war für mich auf jeden Fall das Highlight! Wobei ich wirklich finde, wenn wir uns den Wolf bei der „Wolf und die sieben Geißlen“ anschauen, das hat wieder seinen ganz eigenen Charme und ich bin überzeugt, dass das auch wieder sehr gut ankommt. Und Hänsel und Gretel ist auch eine spannende Sache mit der Hexe. Ich hätte auch noch weitere Ideen, da müssen wir mal schauen, was man noch so alles machen kann.

 

Aufmacherbild: © Minijob-Zentrale/KBS