Hartnäckig hält sich das Gerücht, im klassischen Konzertleben fehle es an jungem Publikum. Die Hemmschwellen seien für die breite Masse einfach nicht zu überwinden – zu starr die Konzertkonventionen, zu verkopft und elitär das Programm. Da sei es kein Wunder, wenn sich Jugendliche kein zweites Mal in eine Opernvorstellung verirrten. Natürlich kann man dagegen mit Zahlen argumentieren, wie bereits in manch anderem Artikel geschehen. Für diese Reportage haben wir indessen die Begegnung mit Engagierten gesucht. In sechs biografischen Skizzen zeichnen wir nach, wie vielfältig und lebendig sich der Nachwuchs mit unserem kulturellen Erbe auseinandersetzt und Neues schafft. Diese kleine Deutschlandreise zur Klassikszene im Wandel zeigt auch exemplarisch auf, wie bei Förderungsangeboten besonders erfolgreich Neugier gesät werden kann.

Erste Station: Darmstadt

Alles begann für den heute fünfzehnjährigen Alexander Busch damit, dass er im Juni 2016 bei einer Aufführung von Mussorgskis „Bilder einer Ausstellung“ am Staatstheater Darmstadt beim Kükenballett mitmachte. Im Vorfeld hatten er und weitere junge Neugierige von der Bertha-von-Suttner-Schule die Choreografie im Rahmen einer Kooperation zwischen dem Staatstheater und ihrer Schule selbst erarbeiten dürfen. Eine Lehrerin beobachtete, dass Alexander hier in seinem Element war und lud ihn ein, ein anderes Projekt des Staatstheaters kennenzulernen.

Das Staatstheater Darmstadt
Am Staatstheater Darmstadt probiert sich die Jugend aus © Lottermann and Fuentes

Bei den TheaterScouts haben Darmstädter Schüler und Schülerinnen die Möglichkeit, sich Proben und Aufführungen anzusehen, um ihren Klassenkameraden anschließend interessante Angebote vorzustellen. Auch den Bühnenbetrieb erkunden die TheaterScouts. Alexander erzählt: „Zum Beispiel waren wir schon beim Bühnenbild, in der Maske sowie bei Licht- und Tontechnik.“ Es habe ihn fasziniert zu sehen, wie dort auch unter Zeitdruck mit viel Liebe zum Detail gearbeitet werde.

Ein Live-Hörspiel zu Jules Verne

Alexanders Leidenschaft hat ihren Ursprung im Kostümieren, schon im Kindergartenalter hat er sich verkleidet und ist in andere Rollen geschlüpft. Heute beschreibt Alexander den Reiz daran als die Freude, andere Seiten oder extreme Varianten seines Charakters auszuprobieren: „Im Theater kann man jemand sein, der man schon immer mal sein wollte.“ Seine Erfahrungen hat Alexander im Sommer 2018 in einem von ihm selbst organisierten Workshop für Grundschüler auch schon weitervermittelt. Dabei hat er mit den Kleinen die untermalenden Geräusche für ein Live-Hörspiel zu Jules Vernes „Reise um die Erde in 80 Tagen“ umgesetzt.

Alexander Busch als Hahn im Kükenballett zu Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“
Alexander Busch als Hahn im Kükenballett zu Mussorgskis „Bilder einer Ausstellung“ © Katharina Schirdewan

Außerdem saß er bereits in den Jurys für einen Schreibwettbewerb und für die Hessischen Theatertage 2017. Hier konnte er mitentscheiden, an welche Produktionen aus den Bereichen Oper, Theater, Comedy sowie Kinder & Jugend das Preisgeld von 10.000 Euro anteilig vergeben wurde. Ob ihn all diese Erlebnisse irgendwann in ein künstlerisches Berufsleben führen, weiß Alexander aber noch nicht.

Ein Theaterunfall in Dortmund

Seit 2008 der Jugendclub der Oper „Tortugas“ am Theater Dortmund gegründet wurde, haben die Produktionen mit und für junge Erwachsene viel bewegt und angeregt. Etwa bei Stefanie Gringersch. Sie war neun Jahre alt, als sie auf Einladung ihrer Schwester eine Vorstellung von Peter Schindlers Kindermusical „zirkus furioso“ besuchte. Die ältere Schwester hatte 2010 eine Regieassistenz übernommen und wollte Stefanie zeigen, wie eine Theaterproduktion abläuft. Heute erinnert sich Gringersch: „Irgendwann ist ein Requisit heruntergefallen und ich fühlte die Verpflichtung, es aufzuheben. Und das habe ich dann auch in der laufenden Vorstellung getan.“ Auf sie übte die Tatsache, dass hier Kinder etwas tun können, was sonst den Erwachsenen vorbehalten ist, eine große Faszination aus. Beim nächsten Tortuga-Casting für das Stück „Irgendwie anders“ überzeugte sie spielend und stand noch im gleichen Jahr zum ersten Mal auf der Bühne.

Lina Förster und Stefanie Gringersch
Lina Förster und Stefanie Gringersch © Privat

Später begann sie, auch außerhalb des Theaters Dortmund Projekte mitzugestalten und wirkte beispielsweise 2015 in Witten unter der Leitung von Silke Schönfeld bei einer integrativen, szenischen Arbeit zum Thema Religion mit. Unter dem Titel „Oh mein Gott, woran glaubst du eigentlich?“ wurden Film, Tanz, Theater und Sprachkunst miteinander verbunden. Noch immer ist die Neunzehnjährige bei den Tortugas aktiv und macht dort inzwischen eine Regieassistenz bei Webbers „Joseph and the Amazing Technicolor Dreamcoat“, schreibt außerdem Theaterstücke. Für Gringersch ist bereits klar, dass sie Musiktheaterregie studieren möchte. Derzeit bewirbt sie sich auf einen Ausbildungsplatz.

Ohne Worte

Lina Förster hat über Humperdincks Familienklassiker „Hänsel und Gretel“ die Opernwelt für sich entdeckt und wusste gleich, dass sie ein größeres Stück vom Lebkuchen probieren möchte. 2013 ist Förster zu den Tortugas dazugestoßen und lernte dort Stefanie Gringersch kennen, die über die Jahre eine enge Freundin geworden ist. In „Codename Liebesrausch“ machte Förster, zunächst in einer kleinen Rolle, ihre ersten Erfahrungen auf den Brettern, die die Welt bedeuten. Aber sie wollte mehr und ist an ihren Aufgaben rasch gewachsen.

Lina Förster und Stefanie Gringersch in „Linie 1“, eine Produktion der Oper Dortmund
Lina Förster und Stefanie Gringersch in „Linie 1“, eine Produktion der Oper Dortmund © Björn Hickmann

Im Rückblick sagt sie: „Meine schauspielerischen Fähigkeiten haben sich verbessert, vor allem habe ich mich aber auch persönlich weiterentwickelt.“ Sie fühle sich inzwischen viel selbstbewusster und überlegt, Musicaldarstellerin zu werden. Ihre Leidenschaft ist so stark, dass ihr über deren Beschreibung manchmal die Worte ausgehen: „Wenn ich auf der Bühne stehe, kommt von mir und dem Publikum eine so starke, den Raum erfüllende Energie, das ist einfach…“ Kein Wunder also, dass sie sich nicht beirren lässt, wenn gleichaltrige Vorbehalte gegen das Theater haben. Stattdessen lädt sie Mitschüler und Mitschülerinnen ein, die Begegnung mit der Kultur zu suchen. Und das haben einige von ihnen auch bereits getan.

München erobert die Opernwelt

In München hat das äußerst starke Haus am Platz, die Bayerische Staatsoper, sein Publikum nicht nur begeistert, sondern auch zu eigenem Engagement angeregt. Schon 2001 haben sich die „Jungen Opernfreunde München“ als Jugendverein der „Freunde des Nationaltheaters e. V.“ gegründet. Als Michael Pfafferott und Florian Amort im November 2015 zum neuen Vorstand gewählt wurden, sind die knapp 50 Mitglieder für gewöhnlich alleine in die Vorstellungen gegangen. Den beiden war es nun ein besonderes Anliegen, den Austausch anzuregen.

Michael Pfafferott, Vorstand der Jungen Opernfreunde München
Michael Pfafferott ist im Vorstand der Jungen Opernfreunde München © Privat

Und das ist ihnen gelungen. Inzwischen treffen sich die Opernfreunde in den Pausen an vorher vereinbarten Treffpunkten in der Staatsoper und kehren nach den Vorstellungen gemeinsam in einem Lokal ein. Michael Pfafferott erklärt dazu: „Mir ist es wichtig, dass wir kein elitärer Zirkel sind, in dem nur bestimmte Leute zusammenkommen. Wir sind offen und für alle zugänglich.“ Und diese Atmosphäre haben sie offenbar tatsächlich schaffen können, denn inzwischen zählen sie 150 Mitglieder mit den verschiedensten Hintergründen. Und weil man als Mitglied auch Gäste mitbringen darf, erweitert sich der Kreis ständig.

Rom, Bayreuth, Barcelona

Von München aus haben die Jungen Opernfreunde bereits viel von der europäischen Opernszene erkundet, waren beispielsweise im Rahmen einer gemeinsamen Reise im April 2018 zu sechst in Oslo. Dort haben sie nicht nur eine Vorstellung von Verdis „La Traviata“ besucht, sondern auch an der Generalversammlung von „Juvenilia“, dem gesamteuropäischen Dachverein Junger Opernfreunde, teilgenommen. Wenn Pfafferott in Europa unterwegs ist, um Opernvorstellungen zu besuchen, trifft er inzwischen häufig alte Bekannte aus anderen Vereinen. Das überrascht nicht, wenn er von den Reisen der Münchner Opernfreunde erzählt: „Letztes Jahr waren wir unter anderem in Rom, Bayreuth und Barcelona. Es gibt fast jeden Monat eine Reise.“ Inzwischen ist Pfafferott 29 Jahre alt, arbeitet in Kopenhagen im Projektmanagement, ist aber so oft wie möglich in München.

Ein Gruppenfoto der Jungen Opernfreunde München
Engagierte und begeistert, die Jungen Opernfreunde München © Privat

Weil man an seinem 30. Geburtstag automatisch aus dem Verein ausscheidet, wird er den Vorstandsposten bald abgeben. Über die Zeit danach hat er sich bereits Gedanken gemacht und wünscht sich für junge Erwachsene die Möglichkeit, sich mit gleichaltrigen zu vernetzen und gemeinsam Vorstellungen zu besuchen, weil die Mitglieder der etablierten Vereine von Opernhäusern in der Regel deutlich älter sind. Weil es dafür kein Angebot gibt, sieht er die Gefahr, dass sich bei manchen ohne die Anregung von Gleichgesinnten das Interesse an Opernbesuchen nach und nach zerstreuen wird.

Praxis inspiriert – Klassikszene im Wandel

Jede Generation entdeckt klassische Musik neu. Manche betreten jedoch nicht nur Neuland, sondern fügen ihm auch noch ein Stück hinzu. So zum Beispiel der 22-jährige Chrisna Lungala, der letztes Jahr an dem vom Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks ausgerichteten „RE:COMPOSE“-Kompositionswettbewerb teilnahm. In dessen Rahmen machte er gemeinsam mit sieben anderen Komponistinnen und Komponisten im Alter zwischen 15 und 24 Jahren bei einem mehrtägigen Workshop mit, der im Studio des BR in München stattfand. Hier wurden zunächst Ausschnitte aus zeitgenössischen Musikstücken eingespielt, die die sieben Jungtalente anschließend zu elektroakustischen Kompositionen weiterbearbeiten durften. Lungala sagt im Rückblick: „Den Musikern zu zuzuhören, Fragen zur Musik und zum Instrument stellen zu können, hat mich wirklich weitergebracht.“

Die Teilnehmenden des „re:compose“ – Kompositionswettbewerbs
Die Teilnehmenden des „re:compose“ – Kompositionswettbewerbs mit dem Künstlerischen Leiter Minas Borboudakis, dem Dirigenten Daniel Carter und der Akademie des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks. Chrisna Lungala ist der Zweite von links © BR / Astrid Ackermann

Bisher habe er meist mit vorgefertigten Samples gearbeitet, also kurzen, digitalen Musikschnipseln, die am Computer bearbeitet und zusammengestellt werden können. Im BR-Studio sei sein Verständnis dafür gewachsen, für ein bestimmtes Instrument und dessen technische Voraussetzungen zu schreiben. Auch die gemeinsame, interpretatorische Arbeit der Musiker und des Dirigenten Daniel Carter am Notentext hat Lungala als sehr Lehrreich empfunden. Und all das floss in die anschließende Komposition seines Stücks „Bitte noch heute“ ein. Die sieben Teilnehmenden schufen jeweils ein neues Werk, von denen drei prämiert und im Rahmen eines Konzerts am 20. Juli 2018 aufgeführt und im Bayerischen Rundfunk gesendet wurden. Lungala war unter den glücklichen Gewinnern.

Auf dem Weg zur eigenen Musiksprache

Zwar studiert er Romanistik an der Ludwig Maximilians Universität München und komponiert in erster Linie autodidaktisch, aber seit seinem Sieg nimmt das Musikmachen immer mehr Raum in seinem Leben ein. Er selbst sagt, sein Stil sei von der Filmmusik geprägt. Vor allem die Klangwelten von John Williams, der musikalische Witz von John Powell und die Musik von Hans Zimmer haben ihn inspiriert.

Schlussapplaus bei der Aufführung der Preisträger-Werke im Studio 1 des BR
Schlussapplaus bei der Aufführung der Preisträger-Werke im Studio 1 des BR © BR / Astrid Ackermann

Zu seiner aktuellen Arbeitsweise führt er aus: „Mir geht es darum, möglichst aussagekräftige Melodien zu finden. Derzeit experimentiere ich vor allem damit, möglichst viele Phrasen kohärent miteinander zu verbinden.“ Dabei greife er auf viele verschiedene Stile zurück, produziere etwa derzeit mit einem Freund einige Songs: „Die gehen in Richtung Funky und Hip-Hop.“ Generell ist es ihm wichtig, unterschiedlichste Musikrichtungen zu studieren und sich von ihren Eigenheiten anregen zu lassen, denn nur so könne man zu einer eigenen Musiksprache finden.

Der junge Komponist Chrisna Lungala
Der junge Komponist Chrisna Lungala © Privat

Die mit dem Faible für Jugendliche

Natürlich haben die meisten Jugendlichen nicht auf vergleichbare Weise im klassischen Musikleben Fuß gefasst. Denn die abschreckenden Klischees über den Konzertbetrieb sind in aller Munde. Da heißt es dann, es kämen lauter alte Menschen in Anzug und Abendkleid, die ganz genau über das Programm bescheid wissen, steif dasitzen und in der Pause überteuerten Sekt trinken. Liebhaber wissen, dass dem nicht so ist. Und die Freunde des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks haben es sich zur Aufgabe gemacht, die Klassikszene im Wandel zu begleiten, ihre Erfahrungen und die Freude am Konzerterlebnis Jugendlichen zu vermitteln.

Besonders die 76-jährige Barbara Klingan, selbst eine ausgebildete Pianistin, engagiert sich für den Nachwuchs. Allerdings kann es eine ganze Weile dauern, bis man den Punkt erreicht hat, an dem junge Menschen von sich aus Konzerte besuchen oder sich sogar für klassische Musik engagieren. Klingan sagt dazu kurz und knapp: „Das ist einfach ein zäher Prozess, aber ich habe einen Faible für die Jugend.“ Wer Leidenschaft anregen möchte, der braucht einen langen Atem. Den hat Barbara Klingan. Dank ihrer drei Kinder und sieben Enkel liegt es ihr inzwischen im Blut, Förderung über mehrere Generationen hinweg langfristig zu pflegen.

Klassik authentisch erleben

Beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks (BRSO) läuft die von Klingan geleitete Jugendarbeit in Kooperation mit dem Förderungsprogramm „Talent im Land“ des Bayerischen Kultusministeriums. Darüber sowie durch die Vermittlung von Lehrerinnen und Lehrern öffentlicher Gymnasien mit Musikleistungskurs werden etwa 20 Schülerinnen und Schüler pro Jahrgang ausgewählt und dann über zwei Jahre begleitet. Sie sind in den beiden Spielzeiten zu je vier Konzerten eingeladen.

Barbara Klingan inmitten der neuen Förderjahrgangs 2018/19 am Podium im Münchner Gasteig
Barbara Klingan inmitten der neuen Förderjahrgangs 2018/19 am Podium im Münchner Gasteig © Privat

Für diese hat Klingan organisiert, dass jeweils jugendgerechte Einführungsvorträge angeboten werden und nach den Veranstaltungen Treffen mit den Musikerinnen und Musikern sowie mit Hilfe des Orchestermanagements auch mit den jeweiligen Dirigenten und Solisten möglich sind. Außerdem hat sie für den gemeinsamen Konzertgang Patenschaften aus den Kreisen der Freunde des BRSO vermittelt. Diese Betreuung kann natürlich nicht nach einem starren Muster ablaufen, wenn die Jugendlichen wirklich Anschluss finden sollen. Kommen konkrete Fragen zu einem Instrument auf, sorgt Klingan auch mal dafür, dass der Musiker oder die Musikerin in der Pause im Austausch mit dem Nachwuchs alles erklärt und zeigt. Diese Unmittelbarkeit ist es, die ein authentisches Erlebnis ermöglicht.

Der Leidenschaft entwachsen

All diese Geschichten mögen für sich genommen nicht auf den großen Generationenwechsel in der Klassikszene hindeuten. Aber sie stehen eben nicht allein und isoliert, sondern sind starke und spannende Beispiele, die davon erzählen, was täglich in Deutschland passiert. Jede Geschichte ist besonders und weil es sich dabei um sehr persönliche Erlebnisse handelt, sind sie unwiederholbar, entgegen dem Vorurteil jedoch nicht elitär, sondern einer Leidenschaft entwachsen.